Paolino ist in Hamburg ein Name mit Klang. Paolo Cherchi war lange Jahre Hamburgs Promi-Wirt. Ein gemütlich-possierlicher Sardinier mit immer freundlichem Gesicht und italienischer Gastfreundschaft. Ich durfte einmal auf Einladung der Verlegerin Angelika Jahr auf dem Ponton auf der Außenalster speisen. In Erinnerung blieben mir vor allem all die Promi-Fotos an der Wand.
Das war 1997. Noch im selben Jahr brannte das Restaurant ab. Hatte ich aber nichts mit zu tun. Paolino wohl auch nicht. Der machte weiter. Mario Adorf, Götz George und all die anderen Stammgäste behielten ihr Zweitwohnzimmer. Jedenfalls bis 2008.
Da entschieden sich die Inhaber der Immobilie für einen neuen Pächter. Paolino war gastronomisch obdachlos, hatte aber tolle Pläne, gleich in der Nähe neu zu bauen. Das scheiterte und der Name verschwand zunächst von der Bildfläche.
Dafür tauchte bald ein anderer in Winterhude auf. Paolinos Sohn Raffaele und dessen Cousin Lorenzo Floris starteten das Sardegna in verkehrsgünstiger Lage. Die Verwandschaft wurde zunächst nicht eben prominent publiziert. Mit einem meterhohen Porträt des Signore Cherchi an der Wand unterlag sie allerdings auch nicht der Geheimhaltung.
Und schon bald nach der Eröffnung stemmten sich erstaunlich viele bekannte Körper gegen die etwas schwergängige Eingangstür. Hier sah ich Götz George zum ersten Mal live und war erstaunt von seiner leisen Art. Norbert Körzdörfer sieht genauso widerlich aus wie er sich liest und Bernd Hoffmann im Gespräch mit Bruno Labaddia fand ich während der Trainersuche des HSV irre spannend.
Auch Paolino selbst ließ nicht lange auf sich warten. Steckte er anfangs nur mal die Nase in den Gastraum, war er irgendwann täglich anzutreffen und irgendwann folgte dann auch sein Name über dem Eingang. So wurde das Sardegna zum Sardegna Paolino.
Wer die knuffige Gastro-Legende also mal live sehen möchte, das Publikum der Winterhuder Komödie erträgt und Spaß am Promi-Spotting hat, für den ist das Sardegna ein toller Ort. Gemütlich überdies, auch wenn man immer schauen muss, in welchem Verhältnis das eigene Körpergewicht zur Wackeligkeit des besetzten Stuhls steht.
Am Beeindruckendsten sind meines Erachtens übrigens nicht die Schauspieler und Verlagsleute im Sardegna. Und auch nicht die A4-Seiten-lange Tageskarte, die der Service jeweils aus dem Kopf rezitiert (sie ändert sich allerdings auch selten). Nein, das bemerkenswerteste Feature ist sicher meine derangierte Nachbarin, die man hier an so manchem Abend besichtigen kann. Man erkennt die hoch gewachsene blonde Dame schnell, die immer mit einem Partner am Tisch sitzt. Der ist jedoch für alle anderen unsichbar. Mit dem tuschelt sie dann, kichert, manchmal weint sie auch und dann macht sie Notizen in ihr FiloFax.
Ein Sardegna-Besuch lohnt sich also in jedem Fall. Zumal sich der Erlebnisbonus nicht über Gebühr auf die Preise niederschlägt. Die sind nicht niedrig, aber der Leistung vollkommen angemessen.
Denn lecker ist es überdies.
Ich mag es ja, wenn eine Küche die ganz einfach Dinge beherrscht. Und so eine Minnestrone ist ja eigentlich ganz einfach und trotzdem schon millionanfach auf widerliche Art verhunzt worden. Hier ist sie einfach nur gut. Frisches Gemüse, leckerer Fond, dampfend heiß serviert und für 7 Euro abgerechnet. Punkt.
Oder meine aktuelle Leibspeise: Spagehtti al pomodoro für 8 Euro. Ein einziges Mal hat der Sardegna-Koch die Pasta ein wenig zu weich rausgehen lassen. Zig male war sie so perfekt al dente, wie man es selten erlebt. Und das Sugo! Alter! Dieses Tomatensugo. Wir löffeln es am Ende immer noch leidenschaftlich. Es ist so simpel und so gut dabei.

Ähnlich verhält es sich mit dem Carpaccio für 9 Euro. Eine herrlich nussige Veranstaltung mit einem Hauch Zitrone und gutem Parmesan auf perfekt hauchdünnen Rindfleisch-Scheiben. Ich esse das sonst nirgendwo.

Ebenfalls ein Erlebnis ist das Saltimbocca, Kalbsschnitzel mit Salbei und Schinken. Das Fleisch ist hervorragend mild, der Salbei unterstreicht, statt zu erschlagen und der Schinken rundet harmonisch ab. Mit knackig gedünstetem Gemüse schlägt das Gericht mit 18 Euro auf die Rechnung. Lohnt sich aber deutlich.

Zum Dessert macht man mit dem Panna Cotta wenig falsch. Toller Geschmack, tolle Konsistenz, angereichert mit saisonalen Früchten und mit 5 Euro auch eher günstig zu haben.

Ich mag das Sardegna. Die Kinder übrigens auch. Die sind hier sehr willkommen. Zumindest tun alle so.
Die Auslastung des Gastraums ist übrigens ungefähr so klar vorhersehbar wie das Hamburger Wetter. Es kann an einem Mittwochabend brechend voll, an einem Freitag gähnen leer sein. Nur montags ist er ganz berechenbar geschlossen. Die Reservierung empfiehlt sich also.
Ristorante Sardegna
Hudtwalckerstraße 16
22299 Hamburg
Telefon: 040/33 98 30 18